Ist eine Psychotherapie eine gute Idee? Wann Psychotherapie helfen kann

Frau sitzt bei der Psychotherapie

Viele Menschen begeben sich aufgrund psychischer Belastungen in eine Therapie. Grundsätzlich ist das eine gute Idee. Doch ist eine Psychotherapie wirklich für jeden geeignet? Wir erklären, wann eine psychotherapeutische Behandlung sinnvoll sein kann.

Lesedauer 12 Min
Schwerpunkt Gesundheit
Psychische Erkrankungen

Psychotherapie hilft nicht nur bei psychischen Erkrankungen. Tatsächlich kann sie auch bei vielen Problemen und Fragestellungen helfen, die wenig mit Krankheiten oder Störungen zu tun haben. Die Einsatzgebiete umfassen:

Bereich Problem
Alltag
  • Soziale Schwierigkeiten
  • Unsicherheit
  • Überforderung / Belastung
  • Krisen
  • Stimmungsschwankungen
  • Selbstwertprobleme
  • Fragen nach Sinn und Unsinn des Lebens
Beziehung
  • Erziehungsprobleme
  • Sexuelle Probleme
  • Streit, Trennung
  • Unglückliche Liebe
  • Missbrauch
Schule und Ausbildung
  • Motivationsprobleme
  • Mobbing
  • Überforderung
Beruf und Karriere
  • Burnout
  • Stress
  • Berufswahl, Entscheidungsfindung
  • Probleme am Arbeitsplatz
Erkrankungen
  • Angststörungen
  • Panikattacken
  • Depressionen
  • Sucht
  • Essstörungen
  • u.v.m.

Die richtige Therapie

Doch ist eine Psychotherapie nun die richtige Behandlungsmethode für Sie? Und wenn ja – welche genau? Nun, ohne Details Ihres Problems zu kennen, lässt sich diese Frage nicht klar beantworten. Das ist auch der Grund, weshalb am Beginn jeder Psychotherapie zunächst ein Erstgespräch steht. Dort können die einzelnen Aspekte Ihrer individuellen Situation besprochen werden und eine optimale Therapie geplant werden. Weitere Informationen dazu finden sie hier.

Allerdings können Sie selber beurteilen, ob eine Therapie sinnvoll erscheint. Dazu sollten Sie zunächst zwei Fragen klären:

1.) Habe ich ein Problem?

2.) Ist eine Psychotherapie bei meinem Problem wirksam?

Benötige ich eine Psychotherapie?

Wenn Sie sich psychisch belastet fühlen oder denken, Hilfe zu benötigen, ist der Weg zum Psychotherapeuten eine gute Idee. Der Gedanke dahinter ist einfach: Jeder der Hilfe benötigt, sollte sie auch erhalten. Falls Sie zu den vielen Menschen gehören, die sich bei dem Gedanken an eine Psychotherapie unwohl fühlen: Dazu besteht kein Anlass. Es ist ganz normal, um Hilfe zu fragen, wenn man sie braucht. Ein guter Therapeut weiß das und wird Ihnen respektvoll und wertschätzend begegnen. 

Wenn Sie also schon länger mit den Gedanken spielen, eine Psychotherapie zu machen, lautet die Antwort vermutlich: Ja! Versuchen Sie es! Im Rahmen des Erstgesprächs wird sich dann sehr schnell herausstellen, ob eine Psychotherapie das Richtige für Sie ist.

Wenn Sie noch unsicher sind, können folgende Fragen helfen:

  • Fühlen Sie sich anders als früher? 
  • Wenn es eine Veränderung gab – beunruhigt Sie das? Gibt es eine Eklärung dafür?
  • Gibt es Auswirkungen auf Ihr Berufsleben oder die alltägliche Arbeit?
  • Machen Sie sich zu viele Sorgen oder haben Sie Angst?
  • Haben Sie häufig negative Gedanken, Hassgefühle oder denken Sie an Selbstmord?
  • Haben Sie jemanden, mit dem Sie über Probleme sprechen können?
  • Bestehen die Probleme schon über einen längeren Zeitraum?
  • Haben Sie erfolglos versucht, Ihre Probleme in den Griff zu bekommen?

Wirksamkeit von Psychotherapie

Leider lässt sich die Frage nach der tatsächlichen Wirksamkeit gar nicht so einfach zu beantworten. Seit Jahren wird dazu geforscht und darüber diskutiert. Um die Sache ein wenig zu verkürzen: Ja, Psychotherapie wirkt – aber nicht bei jedem und nicht für jedes Problem. 

Die Wirksamkeit hängt dabei von verschiedenen Faktoren ab, welche sich zu 4 Punkten zusammenfassen lassen:

  • Das Behandlungsmodell bzw. Therapieschule
    Je nach Therapieschule kommen unterschiedliche Methoden und Ansätze zum Einsatz. Sie unterscheiden sich in Grundkonzepten und Menschenbild, aber auch in Dauer, Intensität oder wissenschaftlicher Fundierung.

    Teilweise sind Unterschiede und Gemeinsamkeiten gar nicht so einfach zu erkennen, daher finden sie hier eine Übersicht aller gesetzlich anerkannten Therapierichtungen.
  • Ihr individuelles Problem
    Probleme sind so vielfälltig, wie die Personen die sie haben. Ob also eine Therapie bei genau Ihrem Problem hilft kann nicht mit Sicherheit prognostiziert werden. Daher sollten Sie auch während der Therapie regelmäßig den Erfolg hinterfragen und gegebenenfalls mit Ihrem Therapeuten darüber sprechen.
  • Ihre persönlichen Merkmale, Eigenschaften und Verhalten
    Die Erfolgsaussichten hängen stark von Ihrer Persönlichkeit und Ihrem Verhalten ab. Sie sollten von dem Behandlungskonzept überzeugt sein und sich in der Rolle des Klienten wohl fühlen.

    Vergessen Sie nicht, dass letzten Endes nur Sie eine Veränderung erreichen können – die Therapie kann lediglich eine Anleitung dazu sein. Die eigene Motivation und der Wille, auch außerhalb der Therapiesitzungen an der Problemlösung zu arbeiten sind daher wichtige Voraussetzungen für einen nachhaltigen Erfolg.
  • Die Person des Therapeuten
    Achten Sie auf eine gute Gesprächsbasis. Dazu zählt etwa Vertrauen, Einfühlungsvermögen und „zuhören können“. Sie werden rasch merken, ob Sie mit Ihrem Therapeuten harmonieren. Trotzdem sollten Sie auch die Kompetenz des Therapeuten kritisch hinterfrage. Ein sympathisches Wesen und angenehme Gespräche können Erfahrung und Fachwissen nicht ersetzen. Wie Sie einen „schlechten“ Therapeuten erkennen, erfahren Sie hier.

Vergessen Sie dabei nicht, dass es sich bei den eben erwähnten Faktoren lediglich um eine Verallgemeinerung handelt. Jeder Fall sollte individuell betrachtet werden und die Erfolgsaussichten noch vor Beginn gemeinsam mit dem Therapeuten besprochen werden. 

Ein guter Therapeut wird die Frage nach der Wirksamkeit ehrlich beantworten und eine Behandlung unter Umständen auch ablehnen. Vorsicht ist bei Therapeuten geboten, welche „ihre“ Therapiemethode als immer wirksam oder auf jeden Fall hilfreich anpreisen. Auch allgemeine Heilsversprechen wie eine prognostizierte rasche Besserung deuten auf einen schlechten Therapeuten.

Einen schlechten Therapeuten erkennen

Die Wirksamkeit von Psychotherapie ist ein wichtiges Thema. Schließlich wenden Sie viel Zeit und Geld dafür auf und sollten eine optimale und wirksame Behandlung erhalten. Es ist auf jeden Fall empfehlenswert bei der Auswahl einer bestimmten Therapieform über deren Wirksamkeit in Ihrem speziellen Fall nachzudenken. Tipps und Ratschläge sowie weitere Informationen zur Wirksamkeit von Psychotherapie finden Sie hier.

Fragen vor einer Psychotherapie

Bevor man sich nach einer Psychotherapie umsieht sollte man sich einige Dinge überlegen. In den meisten Fällen reicht es, einige Fragen zu klären:

  • Was erwarten Sie sich von der Therapie?
    Vermeiden Sie unrealistische Erwartungen und sprechen Sie bereits beim Erstgespräch über Ihre persönlichen Ziele. Das vermeidet Enttäuschungen bei unrealistischen Erwartungen.
  • Haben Sie sich bereits für eine Therapiemethode entschieden?
    Nicht alle Therapieschulen sind für alle Probleme gleich gut geeignet. Informieren Sie sich über die Wirksamkeit der Methode bei Ihrer Problemstellung.
  • Ambulant oder stationär?
    Reicht eine ambulante Therapie, etwa einmal pro Woche? In Ausnahmesituationen kann es womöglich notwendig sein, rund um die Uhr Betreuung zu erhalten.
  • Geschlecht des Therapeuten
    Bevorzugen Sie eine weibliche Therapeutin oder einen männlichen Therapeuten?
  • Einzel oder Gruppentherapie?
    Haben Sie auch an die Möglichkeit einer Gruppentherapie gedacht? In manchen Fällen kann auch eine Paartherapie oder Familientherapie sinnvoll sein.
  • Erreichbarkeit
    In Städten befinden sich meistens viele Therapeuten in unmittelbarer Nähe. Schwieriger ist es am Land: Wissen Sie, welche Therapeuten in Ihrer Nähe sind und haben Sie die Möglichkeit dort hinzukommen? Wie weit darf Ihr Therapeut maximal entfernt sein?
  • Wartezeiten
    Womöglich hat Ihr Wunsch-Therapeut aktuell keine freien Plätze. Können Sie so lange warten oder bevorzugen Sie einen raschen Therapiebeginn bei einem anderen Psychotherapeuten?
  • Wann hätten Sie Zeit für Therapiesitzungen?
    Wenn Sie berufstätig sind, kann die Therapie womöglich nur am Abend oder während des Wochenendes stattfinden. Denken Sie auch an eine eventuell notwendige Kinderbetreuung.
  • Finanzierung
    Psychotherapie kann kostspielig sein. Sind Sie sich über die bevorstehende Kosten im Klaren? Haben Sie sich über eine mögliche Unterstützung Ihrer Krankenkasse informiert?

Finanzierung von Psychotherapie in Deutschland

Finanzierung von Psychotherapie in Österreich

Psychotherapie als Hilfe zur Selbsthilfe

Körperliche Erkrankungen heilen häufig ohne aktive Mitarbeit des Patienten: Ein gebrochener Knochen wächst von alleine zusammen. Ihre persönliche Motivation spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Für eine erfolgreiche Psychotherapie ist das Verhalten des Patienten jedoch von grundlegender Bedeutung.

Nur wenn Sie motiviert sind, sich Ihren Problemen zu stellen, kann eine Verbesserung erzielt werden. Sie müssen aktiv an der Problembewältigung arbeiten, die wenigen Stunden Psychotherapie pro Woche oder Monat reichen in der Regel nicht aus, um nachhaltige Erfolge zu erzielen.

Im Unterschied zu vielen medizinischen Behandlung ist eine aktive Mitarbeit des Klienten notwendig.

Psychotherapie ist Hilfe zur Selbsthilfe. Ein Therapeut kann Strategien und Wege zur Problemlösung aufzeigen – bewältigen müssen Sie das Problem jedoch selber. Dabei spielt die eigene Motivation eine zentrale Rolle. Wenn Sie zwar leiden, aber die Motivation zu einer Änderung fehlt, sollte das zu Beginn der Therapie angesprochen werden. Auch wenn die Motivation im Laufe der Zeit nachlässt, sollte rechtzeitig reagiert werden, um einen Therapieabbruch zu verhindern.

Besonders bei affektiven Störungen wie einer Depression kann die Motivation zu einer Therapie sehr gering sein. In diesem Fall kann eine begleitende medikamentöse Behandlung sinnvoll sein.

Motivation ist von vielen Faktoren abhängig. Es mag Tage geben, an denen Sie keine Lust auf bereits vereinbarte Therapiesitzungen haben. Vermeiden Sie trotzdem, eine Psychotherapie spontan abzubrechen. Es steht Ihnen natürlich immer frei, eine Behandlung zu beenden – es ist aber ratsam, dies im Rahmen einer letzten Sitzung zu machen.

Manchmal kann es vorkommen, dass sich das Problem während der Wartezeit auf einen freien Therapieplatz bessert. Unter Umständen kann es aber dennoch sinnvoll sein, zumindest ein Erstgespräch durchzuführen. Dies gilt insbesondere, wenn Sie aus eigener Erfahrung bereits wissen, dass Ihr Problem regelmäßig wiederkehrt. 

Viele Probleme begleiten uns über viele Jahre, ohne ständig spürbar zu sein. Sie sollten dann auch die „guten“ Zeiten für eine Therapie nutzen und den Therapiebeginn nicht weiter verschieben. Typische Beispiele wären etwa:

  • Depressionen
  • Alkoholismus
  • Wiederkehrende Beziehungsprobleme / Eifersucht

Veränderung kann mühsam sein. Versuchen Sie, Ihre Motivation nicht nur aus dem Leidensdruck zu beziehen und suchen Sie – wenn notwendig – weitere Unterstützung bei Freunden und Familie.

Alternativen zur Psychotherapie

Wenn Sie – aus welchen Gründen auch immer – keine Psychotherapie machen können oder wollen gibt es in den meisten Fällen Alternativen. Wenn Sie unter einer psychischen Erkrankung leiden, kann Ihnen womöglich ein Psychiater gut helfen. Bei alltäglichen Problemen kann ein Lebensberater eine gute Wahl sein. Einen kurzen Leitfaden zu verschiedenen Möglichkeiten finden Sie hier.

Für kurzfristige Krisen bieten sich auch Telefonhotlines und ambulante Beratungsstellen an. In der Regel ist dort jedoch keine langfristige Beratung möglich, weshalb Sie keine Psychotherapie ersetzen können.

Hilfe bei psychischen Problemen

  • Hans Morschitzky, Springer Verlag: Psychotherapie Ratgeber
Redaktionelle Bearbeitung: Benjamin Slezak
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